Hochmoderne Technik.
Wasserbereich der OVAG testet zukunftsweisendes Verfahren im Rahmen der Erneuerungsstrategie ihrer Fernwasserleitungen.
Die OVAG versorgt als zweitgrößter Wasserversorger Hessens etwa 750.000 Menschen mit Trinkwasser. Aus acht Gewinnungsgebieten wird das Wasser über ein etwa 250 km langes Leitungsnetz zu den Kommunen transportiert und in deren Zuständigkeit zur Versorgung übergeben. Ein solches regionales Transportnetz der Fernwasserversorgung unterliegt anderen Anforderungen wie ein innerörtliches Verteilnetz. Neben größeren Nennweiten besteht es aus längeren Strecken kann es meist nicht in Verbindung mit anderen Erschließungs- oder Baumaßnahmen erstellt werden. Hierbei sind oft langwierige Genehmigungsverfahren und Grundstücksakquisen zur Sicherung des Leitungsrechtes erforderlich. Das Fernwasserleitungsnetz der OVAG stammt aus zwei Epochen des letzten Jahrhunderts. Um die Versorgungssicherheit der Kommunen weiterhin nachhaltig zu gewährleisten, soll dieses Netz in den nächsten Jahren sukzessive erneuert und verbessert werden. Weil dabei jederzeit die Versorgung möglichst unterbrechungsfrei aufrecht erhalten bleiben soll wird eine neue Leitung entweder parallel vorgebaut gebaut oder die Bestandsleitung mit einem Verfahren konsolidiert, sodass nur eine möglichst kurze Außerbetriebnahme erforderlich ist. Ein solches Verfahren zur Konsolidierung kam jetzt zur Anwendung.
Es handelt sich um ein aufwendiges Verfahren, das von Fachkräften mit Spezialgerät durchgeführt wird, eine hochmoderne und zukunftsfähige Technik, die für Trinkwasser-Fernleitungen noch kaum verfügbar ist, aber viel Potenzial birgt. Nun wurde die erste Fernwasserleitung der OVAG damit ausgerüstet. Projektleiter Daniel Moll hat das Verfahren von der ersten Planung bis zum ersten Tropfen Trinkwasser durch die umgestaltete Leitung begleitet und viel Erfahrung gesammelt beim Einbau des sogenannten Schlauchliners. Rund 450 Meter Trinkwasserrohr wurden damit ausgerüstet, und zwar – in Form eines Pilotprojekts – zunächst auf einem Leitungsabschnitt, der für einen längeren Zeitraum außer Betrieb genommen werden kann, ohne dabei die Versorgungssicherheit außer Acht zu lassen. Die Zeitspanne, in der die Leitung für die anstehenden Arbeiten mindestens vom Netz genommen wurde, ist ein sehr wichtiges Bewertungskriterium im Rahmen der OVAG-Erneuerungsstrategie, denn die verkraftbaren Stillstandszeiten auf einer Fernwasserleitung sind meist beschränkt und variieren je nach Versorgungssituation. „Zunächst ging es auch darum, die neue Technik im praktischen Einsatz kennenzulernen und einen Erfahrungsschatz für zukünftige Vorhaben aufzubauen“, erklärt Moll.
Beim konsolidierten Leitungsabschnitt handelt sich um eine Verbindungsleitung mit rund 50 cm Durchmesser zwischen der ersten und der vierten Fernwasserleitung, die etwas südlich an Nidda-Ober Widdersheim vorbeiläuft. Alle Vorbereitungen zu dem Projekt wurden von den Mitarbeitern des Wasserwerks selbst getroffen: Zunächst wurden die Rohr-Formteile der beiden Bestands-Anschlussschächte erneuert, im September wurde, in Zusammenarbeit mit einer Tiefbaufirma, ein komplett neuer Beton-Schacht mit einem Wasserzähler in die Leitung eingebaut. Das Schachtunterteil selbst wiegt 20 Tonnen, der Deckel dazu zehn Tonnen. Geliefert wurde er auf Schwerlasttransporten, eingehoben dann mit einem großen Autokran. Das war schon eine Herausforderung, diesen im matschigen, ansteigenden Gelände bis zur vorbereiteten Schachtbaugrube zu manövrieren und die Schwerlasttransporte direkt daneben zu platzieren
, berichtet Moll. Dann wurde das bestehende Trinkwasserrohr mittels Kamera befahren und nochmal genau vermessen, damit der Schlauchliner in der millimetergenau exakten Größe produziert werden konnte und fest am Rohr anliegt, ohne Falten zu werfen.
Die Produktion des Schlauchliners dauerte rund fünf Wochen. Er besteht aus Glasfasergewebe, getränkt mit einem Harz, das erst mit zugeführter Wärme in Form von Wasserdampf reagiert und aushärtet, wenn der Schlauch bereits in die Leitung eingebracht wurde. Geliefert wurde er ohne Harz, aufgerollt auf eine Schlauchtrommel. Erst vor Ort wurde er von den Facharbeitern zum Einbau vorbereitet. Die dazu nötige Maschine ist eine Spezialanfertigung, von der es in ganz Europa nur rund eine Handvoll gibt. Zunächst wurde der Schlauchliner mit einer vorab berechneten Harzmenge getränkt, sodass der Schlauchliner zum Einbau nur eine bestimmte Harzkonzentration aufweist. Danach lief der Schlauch in einen Container, der mit fünf Grad kaltem Wasser gefüllt war. Die Temperatur wurde überwacht und musste konstant bleiben, damit das Harz weich blieb und der Aushärteprozess bis zum Einbau im Rohr gehemmt wird
, beschreibt Moll. Im Anschluss ans Wasserbad wurde der Schlauch von Hand von den Fachkräften mit einem zugelassenen Gleitmittel
Der Vorgang dauerte für die gesamte Schlauchlänge etwa fünf bis sechs Stunden. Es war also bereits Nachmittag, als der eigentliche Einbau beginnen konnte. Dafür fuhr der LKW mit Spezialmaschine und Schlauchtrommel dicht an den zu sanierenden Leitungsabschnitt heran. Dann wurde der Schlauchliner durch die Trommelöffnung mittels Druckluft ausgeblasen und schob sich langsam ins vorbereitete Bestandsrohr hinein. Das Ganze passierte in zwei Teilstücken, zusammen rund 450 Meter lang. eingeseift
– kein Spaß bei sieben Grad Außentemperatur – und wieder auf eine Trommel aufgerollt. Durch das Gleitmittel rollte er später reibungslos wieder ab.Das ging dann ganz schnell
, berichtet Moll. Wie eine Schlange schob es sich in das Rohr und stülpte sich immer am vorderen Ende um.
Noch war das Harz weich. Erst zum Schluss wurde es mit 70 Grad heißem Wasserdampf ausgehärtet, um den Aushärteprozess zu beschleunigen. Das dauerte wieder fünf Stunden und wurde von der Nachtschicht der Spezialfirma überwacht.
Nach einer Gesamtzeit von gerade einmal zwei Wochen konnten die Spezialisten der für den Schlauchliner zuständigen Firma die Baustelle wieder verlassen – nun folgten noch einige Meter konventioneller Rohrbau, bevor die Verbindungsleitung wieder in Betrieb genommen wurde. Bis Jahresende wurden die Baugruben wieder verschlossen und die Oberflächen hergerichtet. Daniel Moll erklärt den Vorteil des ganzen Procedere: „Man spart sich viel Tiefbau, wenn man die alten Rohrleitungen nicht ausbauen muss, das wiederum ist gut für die Umwelt, spart Zeit, macht Grundstücksverhandlungen obsolet und braucht keine Baugenehmigung für die Durchquerung wertvoller Biotope und innerörtlicher Gebiete. Und am Ende hat man ein Stück neuwertige Leitung.“ Grundsätzlich ist das Verfahren auch für größere Nennweiten und längere Teilstücke geeignet. Die Eignung eines Verfahrens hängt immer von zahlreichen Einflussfaktoren ab, deshalb ist ein Verfahren nie für alle Fernwasserleitungen und Leitungsabschnitte anwendbar. Durch die erfolgreiche Installation des Schlauchliners wurde dem Verfahren Praxistauglichkeit attestiert, Es kann künftig bei passenden Rahmenbedingungen optimiert eingesetzt werden. Wie lange der Glasfaserschlauch halten sollte? „Mindestens so lange wie eine herkömmliche Leitung. Das können 100 Jahre oder mehr sein.“ 100 Jahre, in denen die OVAG weiter mit der Zeit geht und ihr Fernwasserleitungsnetz ständig modernisiert und konsolidiert.