Nepper, Schlepper, Bauernfänger

Holger Ruppel, Vertriebsleiter der ovag Energie AG, zu unseriösen Stromanbietern

Kürzlich hat wieder einmal die Pleite eines Energieversorgers – in dem Fall war es die Energieagenten Versorgungs GmbH – die Runde gemacht. Man fragt sich schon: Wie ist das möglich?

Ruppel Weil unseriöse Anbieter die Kunden mit Angeboten ködern, die nicht realistisch sind. Es wird eine vielversprechende Werbung aufgezogen in deren Mittelpunkt vermeintlich attraktive Stromtarife stehen. Das System ist aber so aufgebaut, das es – wenn überhaupt – nur funktionieren könnte, wenn ständig neue Kunden hinzukämen.

Sind die angesprochen Tarife überhaupt realistisch?

Ruppel Nein, sind sie sehr oft nicht. Das wird jedem einleuchten, der weiß, dass jeder Energieanbieter nur noch etwa neunzehn Prozent des Strompreises beeinflussen kann. Darin enthalten sind auch die Kosten für den Einkauf des Stroms und für den Vertrieb. Wer sich das vor Augen hält weiß, dass es aufgrund fehlender Spielräume sagenhaft billig Preise nicht geben kann.

Aus Sicht des Kunden: Wo liegen in der Regel die Fallstricke bei den Billiganbietern?

Ruppel Ein beliebter Trick ist, nach Ablauf des ersten Jahres die Strompreise massiv zu erhöhen. Diese Erhöhungen sind oft so gestaltet, dass man sie bei Vertragsabschluss schnell übersieht. Dann gibt es welche, die Preiserhöhungen nicht aktiv per Post oder E-Mail zustellen, sondern lediglich online bekannt geben oder diese Information in Werbebriefen verstecken, die oft nicht gelesen werden. Ganz beliebt bei den Tricks ist das Bonusversprechen, das am Ende keines mehr ist. Kündigt nämlich der Kunde bereits im ersten Jahr, um so zum Beispiel einer deftigen Preiserhöhung im zweiten Jahr zu umgehen, verfällt der Anspruch auf den Bonus. Unter dem Strich hat der Kunde dann oft draufgezahlt. Zahlreiche Beschwerden bei der Schlichtungsstelle Energie bestätigen diesen Trick.

Wenn ein Verbraucher Kunde bei einem Anbieter ist, der in die Insolvenz geht – läuft er dann Gefahr, dass er keinen Strom mehr erhält?

Ruppel Nein, das kann nicht passieren. In diesen Fällen meldet der regionale Netzbetreiber, im Bereich Oberhessen die ovag Netz GmbH, diese Kunden an den zuständigen Grundversorger, in unserer Region sind wir das von der ovag Energie AG. Wir kümmern uns darum, dass keiner, der von einem Ausfall seines Lieferanten betroffen ist, auf seinen Strom verzichten muss.

Wie geht es dann für diese Kunden weiter?

Ruppel Die werden zunächst in die Ersatzversorgung aufgenommen und bekommen dann von uns einen für sie passenden Stromlieferungsvertrag angeboten. Kommt so ein Vertrag mit uns zustande, wird dieser kundenfreundlich rückwirkend ab dem Tag des Lieferausfalls abgerechnet, so dass die betroffenen Kunden keine teure Ersatzversorgung bezahlen müssen.

Bekanntlich sind die Methoden jener, die auf Kundenfang gehen, nicht immer die saubersten.

Ruppel Davon können wir ein Lied singen. Es passiert immer wieder, dass solche Unternehmen bei unseren Kunden anrufen und sie unter Vortäuschen falscher Tatsachen nach ihrer Zählernummer fragen, obwohl diese Art Werbung – auch das Anrufen ohne das vorherige Einverständnis des Kunden - nicht erlaubt ist. Vorgetäuscht wird die Zusendung von unverbindlichen Informationen oder eines Vergleichsangebotes. Tatsächlich erhält der Kunde nach so einem Anruf aber oft bereits eine Vertragsbestätigung, denn alleine die Zählernummer reicht aus, dass ein solcher unseriöser Anbieter den Vertragsabschluss ohne das Wissen des Kunden vortäuschen kann. Anrufe von Kunden, denen das passiert ist, erreichen uns täglich. Kunden sollten daher bei solchen Anrufen besser gleich auflegen.

Das heißt, wenn ein Unternehmen die Zählernummer hat, kann es einen Vertrag mit diesem Kunden abschließen?

Ruppel Genau. Hat er diese Nummer, meldet er diesen Kunden beim zuständigen Netzbetreiber ab und auf seinen Namen an. Und schon hat er ihn in der Tasche. Der Kunde, der darauf hereingefallen ist, bekommt zwar tatsächlich ein Schreiben – aber das ist dann die Bestätigung eines Vertrages mit dem neuen Anbieter, dem er eigentlich gar nicht zugestimmt hat. Wichtig für die Kunden: Ein Mitarbeiter der OVAG wird nie nach einer Zählernummer fragen, weil er die ja in seinen Unterlagen bereits hat.

Der Kunde kann doch aber von noch dem neuen Vertrag zurücktreten.

Ruppel Theoretisch ja – innerhalb von vierzehn Tagen nach Vertragsabschluss. Trudelt der Vertrag bei ihm danach ein, hat er Pech gehabt – zumindest wird es schwer für ihn sein nachzuweisen, dass er einem Vertragsschluss gar nicht zugestimmt hat. Ist die Frist noch nicht abgelaufen, unterstützen wir die Kunden selbstverständlich bei der Rückabwicklung.

Was kann ein seriöser Anbieter gegen solche Methoden tun?

Ruppel Teilweise sind uns die Hände gebunden, weil wir uns fair gegenüber den Kunden wie auch gegenüber den Wettbewerbern verhalten. Fallen uns von einzelnen Anbietern vermehrt unseriöse Fälle auf, prüfen wir rechtliche Schritte, was in der Vergangenheit bereits Erfolg hatte. Hier sind wir jedoch auf die Mitwirkung der betroffenen Kunden angewiesen.

Haustürgeschäfte – in der heutigen Zeit?

Ruppel Ja, man vermag es kaum zu glauben, aber auch diese Vorgehensweise gibt es wieder. Grundsätzlich ist das auch ein zulässiges Vertriebsmittel. Aber auch hier wird nicht immer seriös gearbeitet. Vorsicht solle man walten lassen, wenn man hier nach der Stromrechnung gefragt wird oder der Besucher den Stromzähler sehen möchte, beispielsweise um nur mal den Verbrauch abzulesen. Es geht ihm in der Regel nur darum, an die Zählernummer zu kommen.

Was kann ein Unternehmen den Kunden an Vorteilen bieten?

Ruppel Seriöse und faire Preise, Transparenz, langfristige Preisgarantie. Ebenso wichtig finde ich, dass wir eine umfassende und faire Beratung anbieten. Deswegen bleibt uns die überwiegende Mehrheit der Kunden treu – wegen der Nähe zu uns. Übrigens auch ein Grund, warum wir immer wieder neue Kunden gewinnen. Weil vielen diese Nähe offenbar wichtig ist.

Holger Ruppel
Holger Ruppel, Vertriebsleiter der ovag Energie AG (Foto: Silke Scriba)

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